LYRIK -/
staMMweRK /MENSCHkonsole

 

frühjahr jenseits:

  die frühjahrssonne erkletterte glasig
die strassen durchtrieben die schatten
noch kühl als er in den weg auf den schuttberg einbog
am stadtrand
 
die lichtspinner über
dem brauen geröll
durch den windkanal die flughafenschneise
blickte er auf die stadt zurück
wo in den strassen menschen und automobile
dichte fluchtkolosse gebildet hatten
 
war in den letzten stunden der puls
aus hastigen menschen fast zum stillstand gekommen
ihre angst die ferne nicht mehr rechtzeitig
 
herübergekommen zu sein
trieben die flugblätter die einsam
verlesenen nachrichten zwischen den steinen
durch das frühjahr


echolot:


der weit in seidig hungerndes neonlicht
hinausgeragte flur still und tunneleinsam
barg kaum die grauen geschlossenen
augenlosen türmäuler nirgends verästung
ohne ausweg beging er den balken
seiner schritte auch wenn er nicht taumelte
zelle um zelle der sekunden dort weit hinten
siggerte wie in die kopfschaale getropft
eine grosse bahnhofsuhr einen syntetischen tackt
durch die wölbung des seidigen des hungernden
neonlichts

alle sekunden durchgangen glaubte er
hinter den selten an ihm vorüber schleichenden
türen papierenes flüstern echolot durch die kargheit
zu orten botschaften aus dem bewohnten raum
fern gestaut und weit abgetrieben von seinem gang
glaubte er wasserflächen in riesigen zimmern
meere dahinter in fremdheit nordmeer und darauf
womöglich nur spuren der ahnung nussschaalen
mit knöchernen menschen grau-violette figuren
treibend und kreiselnd im windstillen haltlos



konstellation auf freier fläche:

untereinander hinzu herüber hinab fortan geworfen
entnommen entronnen entsinnt ausgelöst ausgestossen
umeinander herum getümmelt umrundet runden rundschlucht
die schluchten die schlünder geschlundet verschattet
ausgebrochen übergelaufen in die ferne gestürtzt ins meer gestürzt
zwillingsgeboren zwiefach gesprochen zwirnaugen geronnen
zwerchfelloperationen operanten gezurrt zangen gezeichnet
unter der schautonne unter der schundwanne unter der
unten verbrochen gebrochen verknotet versprochen verlassen
untereinander seit ihr wie ein schwestern zwiegestirn unzuflüchtig
untereinander seit ihr eine konstellation zweier planeten in ihrem schacht
untereinander seht ihr zwei punkte von einander aus lichtbaracken entfernt
untereinander singt ihr die augenlieder metall
untereinander träumt ihr schutt über wort
und wort über staub und staub über halde und halde über nachtlager
nachtlager errichtet unten am flussgrund grundfuss und festung
am stein verankert gehangen im randlosen schacht
eure lippen nähern sich
eure bauchfelle phantasieren flucht
eure augenhöfe treiben durch bildlandschaft
eure finger knoten an netzhäuten
untereinander hinzu herüber hinab fortan geworfen
entspinnt ihr die netze im fall eurer stundenbahnen
untereinander hinzu herüber hinab fortan geworfen
zeichnet ihr paralelen zwischen den sternen eurer stirnlandschaften
untereinander hinzu herüber hinab fortan geworfen
schreibt ihr untergrund für einen zwiefachen sturtzplan
von den barackenfeldern einige kilometer nach osten
träumt ihr von den barackenfeldern einige schritte von hier zur schwelle
ruft ihr von den barackenfeldern einige atemzüge von der schwelle entfernt
euch zu
 

herbstfuhrwerk:

spiel mich mit dem fingerzwirn
die füchsin treibt durch die kanäle
schreibt die körper aufgehetzter menschen
im grosswerk ihrer neuen stadt
die träume fallen aus den fenstern
noch schwimmt die strasse grau im licht des herbstes
spielt der regen dürre hungertierchen durch die autoschluchten
heute noch im abendabbruch
stemmen braunverkommene figuren
die mauern vor der stadt ins dunkel
die ratten lassen sich noch treiben
durch die urwerke der unzeit
einer silbrig aufgeschäumten zeile
am ende jedes tunneltracktes
stillt mein schatten
fieberhaft bewegung
noch ein schlingerspiel verlohren
wird schon fortgeschwemmt noch worte
ohne zungenbäume sind in tusche
ausgestreut die flut vergeht
wie ziffern
 

zählung:


 
    wir haben uns hier im schatten getroffen
        um die entzifferung zu beginnen
    noch irren die suchtruppen durch die schutthügel
       und jeder getroffene bleibt
    es bleibt uns keine dunklen toten
       über den tisch zu verbreiten wie zettel
    es bleibt uns hier die fäden von dir und zu mir
      die finger über diese spannweiten möchten sie tragen
   das bliebe uns noch von niemandsland abtrünnig
      bis zum kern der abrisse und weiter hinfort
   wir kommen und tragen die tode weg
      und schrauben die besichtigungen hinauf
   ein grosses betongebirge wurde ausserhalb der stätten
      schon errichtet aus niemandland
   sehen wir sie unter den grossen leinwänden wieder
      wie spinnen hängen und summen noch unser gewebe
   auf unsere einsamen augen mag einer nicht schreiben
      dies sind die die uns umarmten freunde
   wir haben uns doch noch als der abend über das niemandland
      sich über unsere kopflose ohnmacht entzweite einen raum geschaffen
   hier nun möchte ich uns
      diese ader auch schlaf ohne uns schneiden
   formen und formen kristalliert
      vor den verbliebenen gestalten
   und fort über uns noch einmal so weiter
      hinausgetrieben im sturm

 

aufbruch:

unten am treppenaufgang
standen sie schon und warteten
die dachluke
ein dunkler mondhund
war noch ein tunnel zur aussenwelt

wie lange mochte ich noch
dein gesicht angesehen haben
bevor ich
sekunden wie täler
und schon in der kahlen winterluft

weiter durch mondschattengewächse
der überfrohrenen dachziegeln
steil gestellt

warte nicht zu lange
die kälte
zusammen werden wir
morgen oder übermorgen
fortgehen
durchs violett
gebrochene unterholz
 
 

neuigkeit:

nach norden endet diese
voll im leben stehende strasse
schon nach wenigen kilometern
im urtiefsten morastgelände behaubtete
ein mann der in einem grauen wintermantel
etwas abseits stand

ich selbst lauerte nicht unweit
wusste dass ich diese strasse
schon tausende male hinabgefahren
immer in ihrem urzustand
warm und vertraut gefunden hatte

die erstaunliche zahl der nicht wiederkehrenden
gefärte schien die gegend nördlich der stadt
aber als grausames nirgendland auszuzeichnen
der verfall schien zuzunehmen
auch war der mann bereits in der menge
untergetaucht und unauffindbar hatte er
nur das ungewisse gefühl einer dem leben
allzunah getretenen unwahrscheinlichkeit
zurückgelassen als einsames weisenkind
das seine unterkunft gefunden haben mochte
in einigen verschobenen menschengesichtern
figuren am ende der strasse eben nur
 
 

dunkelkammer:

in den frostigen neubauanlagen am rande
der ganz und gar im zentrum
des wohlstandes verankerten stadt
(stärkere striemen an raum und gefälliger sicherheit
waren sonst nirgens verspannt)
schien letzte nacht wiedereinmal ein mann
über den abgrund hinab in die zelle
der unzurechnungsfähigen ohnmacht
übergetreten zu sein und war gerade noch
blitzschnell zur tiefsten unzufriedenheit
weniger nächtlicher beobachter
und zum rechten zeitpunkt
von einer polizeistreife überredet und schliesslich
bewältigt und ergeben gehindert worden zu sein
nach einer unfassbar tierhaften prügellei
mit seinem mitbewohner
(sie hatten sich 40qm lebensunterkunft
brüderlich geteilt)
sich nicht über die klippe
seines balkons in die 4 stockwerke
messende untiefe zu stürzen
im psychischen stauraum der neubauschotten
ein durchaus nicht seltener fall der verunreinigung
einer gezähmten nächtlichen ansiedlungen
von billigbewohnern der heimatstadt
 
 

nach einem zwischenfall:

ein auto stapelte sich
über das andere
danach
sind alle in einen schlaf getreten
die wracks zu beseitigen
man will sie
aus den untersten tiefen des
nordmeeres
bei sturm
werden die verhältnisse untragbar
auch eine grosse hitze
überschattete die zeugen
der ort scheint
unbeschreiblich
noch
sind auch die landkarten nicht
ausgeweidet
sie suchen nach ihnen in allen ecken
einer kroch auch
noch von dort
ganz unten im unglücksfeld
herauf
zu uns die hier im
kegel der scheinwerferungetürme
warten


 
 



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